An dieser Stelle rufen wir uns die berühmten Worte des Heiligen Prophetensaw anlässlich des Todes seines Sohnes in Erinnerung. Der Heilige Prophetsaw sagte:

وَلَوْ عَاشَ لَکَانَ صِدِّیْقًا نَبِیَّا

„Wenn Ibrahim gelebt hätte, dann wäre er ein Prophet gewesen.“

(Ibn Māja – kitābu l-ǧanāʾiz – Band I, S. 237)

Nun ist es unzweifelhaft geschichtlicher Tatbestand, dass Ibrahimra ungefähr fünf Jahre, nachdem dem Heiligen Prophetensaw der Khātam an-Nabiyyīn-Vers offenbart worden war, verstarb. Trotz des früheren Vorhandenseins dieses Verses, verkündete der Heilige Prophetsaw ausdrücklich und öffentlich, dass sein Sohn Ibrahim ein Prophet geworden wäre, wenn er gelebt hätte. Diese eindeutige Äußerung des Heiligen Prophetensaw lehnt jegliche Deutung des Khātam an-Nabiyyīn-Verses, als Verschluss des Prophetentums, nachdrücklich ab.

Das entspricht nicht nur unserer Sicht der Dinge; in der Tat entnimmt Hadhrat Nūr ad-Dīn ʿAlī ibn Sulṭān al-Qārī, ein anerkannter Gelehrter der Hanafi-Schule, diesem Hadith dieselbe Auslegung. Er sagt:

„Selbst wenn IbrahimRA gelebt hätte und ein Prophet geworden wäre, wäre er ein Gefolgsmann des Heiligen Prophetensaw geblieben. Sein Prophetentum wäre dem Titel des Heiligen Prophetensaw als Khatamun Nabiyyin nicht entgegengesetzt gewesen. Dem ist so, weil Khatamun Nabiyyien besagt, dass es nach dem Heiligen Prophetensaw keinen weiteren Propheten geben kann, der ein neues Gesetz mit sich bringt, und keinen Propheten geben kann, der nicht seiner Gemeinschaft und seiner Gefolgschaft entspringt.“

(al- ʾasrāru l-marf ūʿa fī l-aḫbāri l-mauḍūʿa, S. 129.)

Wenden wir uns jetzt einem anderen Hadith zu, demzufolge der Heilige Prophetsaw verkündete:

„Abu Bakr ist die erhabenste Persönlichkeit in meiner Gemeinschaft, ausgenommen es erscheint ein Prophet.“

(al- ǧāmiu ṣ- ṣaġīr, Band 1, S. 6)

Aus diesen beiden authentischen Ahadith ist ersichtlich, dass der Heilige Prophetsaw als Empfänger direkter Offenbarung und Anleitung vom Allmächtigen, die Ankunft von Propheten nach seinem Ableben verkündet hat.

Betrachten wir nun ein Hadith, auf die sich die nicht-Ahmadi-Muslime zur Unterstützung ihrer Auslegung des Verses verlassen. Eines von diesen ist der Ausspruch des Heiligen Prophetensaw „lā nabiyya baʿdī“, welches übersetzt bedeutet: „es gibt keinen Propheten nach mir“. Wie sind diese Worte zu verstehen? Wenn man sich nur oberflächlich mit dieser Aussage beschäftigt, könnte der Eindruck entstehen, dass tatsächlich kein Prophet mehr erscheinen könne. Doch nicht nur der Vers über Khātam an-Nabiyyīn beseitigt diesen Trugschluss. Wir finden eine entscheidende Aussage von Hadhrat AishaRA, jener heiligen Frau, welche den Titel „Mutter der Gläubigen“ trägt und die nach dem Ableben des Heiligen Prophetensaw in Fragen der Theologie im Islam eine einzigartige Stellung hatte und den Gefährten in diesen Fragen Rechtleitung gab. Hadhrat AishaRA sagte:

قُوْلُوْا خَاتَمَ النَّبِیّٖینَ وَلَا تَقُوْلُوْا لَا نَبِیَّ بَعْدَہٗ

„Sagt, dass der Heilige Prophet Khātam an-Nabiyyīn (das Siegel der Propheten) ist, aber sagt nicht, dass nach ihm kein Prophet erscheinen wird.“

(durru l-Manṯūr Bd. 5, S. 386)

Diese Aussage von Hadhrat Aishars, deren Authentizität durch eine vollständige und unanfechtbare Überliefererkette gesichert ist, hat die Frage nach der Bedeutung der letzte Prophet zu sein für immer erklärt. Sie lehrte den Gläubigen, dass sehr wohl ein Gesandter in der Gemeinschaft des Heiligen Propheten Muhammadsaw kommen kann, ohne den Rang des Khātam an-Nabiyyīn zu verletzen.

Viele große Gelehrte des Islam haben dieser Aussage von Hadhrat Aishars ebenjene Bedeutung entnommen, die das Tor des Prophetentums nicht für immer verschließt, sondern mit dem Siegel des Heiligen Propheten die Tür des ihm völlig unterstellten Prophetentums offen lässt.

Im Grunde genommen sind wir mit allen Übersetzungen des Wortes Khātam einverstanden, welche den erhabenen Rang des Heiligen Propheten darlegen. So finden wir ein weiteres Hadith, das keinen Zweifel darüber übrig lässt, was das Wort „Letzter“ denn bedeutet, wenn es in diesem Zusammenhang verwendet wird.

In einem Hadith aus der authentischen Hadith-Sammlung Sahih Muslim heißt es:

فَاِنِّی آخِرُ الْاَنْبِیَاءِ وَاِنَّ مَسْجِدِیْ آخِرُ الْمَسَاجِدِ

Der Heilige Prophetsaw sagte:

„Ich bin der letzte der Propheten, und meine Moschee ist die letzte Moschee.“

(ṣaḥīḥ Muslim, kitābu l-ḥaǧǧ)

Er deutete damit offensichtlich an, dass es genauso wenig einen Propheten wie ihn geben werde, wie es keine Moschee solcher Herrlichkeit und innerer Schönheit wie seine Moschee geben werde. Zukünftige Moscheen werden nicht von gleicher Herrlichkeit sein und ein Abglanz der Moschee des Propheten sein. Die Möglichkeit, dass die Worte falsch verstanden oder falsch ausgelegt würden, wurde vollständig durch den Zusatz geklärt: ich bin der letzte der Propheten auf die gleiche Art und Weise und in dem gleichen Sinne, wie meine Moschee die letzte der Moscheen verkörpert. Keineswegs bedeutet dies, dass nach der Moschee des Propheten keine Moschee mehr gebaut werden kann oder dass keine Moschee nach dieser als solche bezeichnet werden kann.

Muslimische Gelehrte und Geistliche über die Bedeutung von Khātam an-Nabiyyīn

Tatsächlich muss man nicht lange suchen, um zu erkennen, dass die wahre Bedeutung von Khātam an-Nabiyyīn bereits von vielen früheren muslimischen Gelehrten erkannt und beschrieben wurde. Gelehrte vom frühen Islam bis hin in die Zeit des Verheißenen MessiasAS erklärten diese Bedeutung.

Ein großer Gelehrter des Islam, Abū ʿAbdullāh Muḥammad ibn ʿAlī al-Ḥakīm at-Tirmiḏī, sagt über das Wort Khātam:

„Gemäß unserer Auffassung bedeutet dieses, dass das Prophetentum im Wesen des Heiligen Propheten Muhammadsaw mit all seinen Vorzügen seine Vollkommenheit erlangt hat. Sein Herz war wie ein Behältnis für die Vorzüglichkeiten des Prophetentums, das dann mit einem Siegel versehen wurde. Die Auslegung, dass die Bedeutung von Khātam an-Nabiyyīn der letzte zu erscheinende Prophet sei, drückt doch keine Auszeichnung aus! Welche Erkenntnis steckt denn darin? Das ist zweifellos eine Auslegung der Toren und Unwissenden!“

(Kitāb Khatma l-ʾAuliyāʾ, S. 341)

Welchen Wert hat es denn überhaupt, der chronologisch Letzte zu sein? In der Tat ist eine solche fehlerhafte Übersetzung nicht nur unsinnig, sondern sie schmälert den Rang des Heiligen Propheten Muhammadsaw. Sie gibt den Feinden des Propheten weiterhin die Möglichkeit, sich in ihrem Spott bestätigt zu fühlen und steht im starken Widerspruch zum Rest des Heiligen Qur‘an.

So finden wir in den Schriften des Mitbegründers der Deobandi Denkschule im Islam Maulwī Muhammad Qāsim Naunutawī – welcher 1889 verstarb – die folgende eindeutige Aussage, die die Frage beantwortet, welche Bedeutung tatsächlich und einzig und allein dem Rang des Heiligen ProphetenSAW gerecht wird. Er schreibt:

„Der Laie sagt, dass der Gesandte Allahs in dem Sinne der „Khātam“ ist, dass seine Zeit als Prophet nach allen anderen Propheten kam und er der Letzte unter den Propheten sei. Doch Menschen mit Verstand wird es sehr wohl einleuchten, dass zeitlich der Erste oder der Letzte zu sein für sich genommen nichts Vorzügliches darstellt. Wie könnten sonst die Worte „sondern (er ist)der Gesandte Allahs und das Siegel der Propheten“ denn als Ehrerweisung verstanden werden? Wenn aber angenommen werden soll, dass diese Eigenschaft nicht eine Vorzüglichkeit darstellt, dann kann Khātam als zeitliches Ende verstanden werden. Doch ich bin mir im Klaren, dass niemand unter den Muslimen bereit sein würde, diese Bedeutung zu akzeptieren.“

(In: taḥḏīru n-nās)

Bedauerlich ist aber, dass so viele Muslime heute genau dies in Kauf nehmen!

Er stellt weiter fest:

„Wenn wir annehmen, dass ein Prophet nach dem Heiligen Prophetensaw erscheinen wird, so wird dies nicht im Geringsten einen Einfluss darauf haben, dass der Heilige Prophet Muhammadsaw der Khātam ist.“

(Quelle)

Im sechsten Jahrhundert nach der Hidschra verkündete Hadhrat Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī, der weltbekannte muslimische Gelehrte und Kommentator (der im Jahre 638 nach der Hidschra verstarb) in seinem Werk al-futūḥātu l-makkiyya:

„Wir wissen mit Sicherheit, dass es in der muslimischen Gemeinschaft Personen geben wird, deren Rang Allah zufolge der eines Propheten sein wird, indes wird solch ein Prophetentum ohne ein neues Gesetz sein.“

(al-futūḥātu l-makkiyya, S. 177 ff.)

Die oben angeführten Zitate sind eine sehr kleine Auswahl von hunderten aus den Schriften berühmter Heiliger und weltbekannter Reformer. Von frühester Stunde des Islam an bis hin in das 19. Jahrhundert zeigen diese auf, dass der Titel des Heiligen Prophetensaw als Khātam an-Nabiyyīn in keiner Weise das Erscheinen von Propheten ausschließt, die kein neues Gesetz mit sich bringen und die vollkommene Diener und Anhänger des Heiligen Prophetensaw sind.