Die Sunna (die Praxis des Heiligen Propheten SAW) gilt als maßgeblicher Maßstab zur Interpretation des Heiligen Qur’an. Denn der Heilige Prophet SAW wird im Qur’an als „ein schönes Vorbild für jeden“ (33:22) und als Träger „hohe moralische Eigenschaften“ (68:5) beschrieben. Trotz der damals verbreiteten patriarchalen Gesellschaftsstruktur ist überliefert, dass der Heilige Prophet Muhammad SAW weder verbal noch physisch übergriffig gegenüber Frauen war: „Der Heilige Prophet SAW hat niemals jemanden geschlagen, weder eine Frau noch einen Diener.“¹ Stattdessen lehnte er jegliche Form groben Umgangs mit Frauen strikt ab und sagte: „Behandelt Frauen wie Glas.“² Ferner erklärte er: „Der Beste unter euch ist derjenige, der seine Frau am besten behandelt – und ich bin das beste Beispiel im Umgang mit meiner Familie.“³ Angesichts der Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen damals wie heute verbreitet und gesellschaftlich oft stillschweigend akzeptiert wird, stellt der Qur’an-Vers 4:35 keine Erlaubnis zur Gewalt dar, sondern beschreibt – wie Hadhrat Mirza Tahir Ahmad RH betont – einen Weg zur gewaltfreien Konfliktlösung. Er erläutert: „Viele Leute verwenden diesen Vers, um ihre Ehefrauen unrechtmäßig zu schlagen und sagen, dass der Ehemann die Ehefrau schlagen dürfe. Aber wenn sie die Bedingungen beachten würden, dann ist fest davon auszugehen, dass es zu keiner Gewalt oder Härte kommt. Wenn Gewalt rechtmäßig wäre, dann würde es aus dem Leben des Heiligen Propheten SAW zumindest ein Beispiel bezüglich des Schlagens der Ehefrauen geben – dies ist aber nicht der Fall, obwohl einige seiner Ehefrauen manchmal auch seine Unzufriedenheit auf sich zogen.“⁴ Der Vers fordert Männer zunächst auf, das Gespräch zu suchen und Intimität zu meiden. Diese Stufen der Mediation haben eine deeskalierende Funktion. Interessant ist auch die Auslegung des Gefährten Hadhrat Abdullah bin Abbas RA, dem der Heilige Prophet SAW ein tiefes Verständnis des Qur’an gewünscht hatte. Auf die Bedeutung des Wortes ḍarabaim betreffenden Vers angesprochen, erklärte er, dies bedeute eine symbolische Berührung mit einem miswāk (einem kleinen Holzstöckchen zur Zahnreinigung).⁵ Somit geht aus dem Vers hervor, dass er präventive Maßnahmen beschreibt, um häuslicher Gewalt entgegenzuwirken. Allgemein stellte Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad AS, der Verheißene Messias, fest: „Die Beziehung von Männern zu ihren Ehefrauen sollte derart sein, wie die Beziehung zwischen zwei wahren Freunden. Es sind die Ehefrauen, die die ersten Zeuginnen über die hohen moralischen Eigenschaften eines Mannes und dessen Beziehung zu Gott sind. Und wie kann ein Mann sich mit Gott versöhnen, wenn er eine schlechte Beziehung zu seiner Ehefrau pflegt?“⁶ Er betonte zudem kategorisch: „Derjenige, der im alltäglichen Umgang nicht mit Sanftmut und Gnade mit seiner Ehefrau und ihren Verwandten umgeht, gehört nicht zu meiner Gemeinde.“⁷ Und in einer göttlichen Offenbarung an ihn heißt es: „Eure Frauen sind nicht eure Dienerinnen, sondern eure Gefährtinnen.“⁸

1. Saḥīḥ Muslim 2. Überlieferung in verschiedenen Hadithsammlungen 3. Tirmiḏī 4. Tarjamatul Qur’an, Hadhrat Khalifatul Masih IV RA, S. 135 5. Tafsīr aṭ-Ṭabarī, Sura an-Nisāʾ, Kommentar zu „wa-ḍribūhunna“ 6. Al Hakam, 24. Dezember 1900 7. Die Arche Noahs, Frankfurt am Main 2015, S. 48 8. Tadhkira