Kann die Seele der Verstorbenen ihre lebenden Angehörigen sehen oder mit ihnen kommunizieren?
Ein Fragesteller aus Pakistan wandte sich an Hazrat Amirul Momineen, Khalifatul Masih V (aba), und fragte, ob eine verstorbene Person vom Himmel aus ihre lebenden Verwandten sehen könne.
In seinem Brief vom 22. Mai 2023 gab Huzoor-e-Anwar (aba) folgende Antwort:
> „Die Seelen der Verstorbenen haben keine direkte Verbindung mehr zu dieser Welt. Sie erfahren nur das, was Allah der Erhabene ihnen mitteilen will. Mit anderen Worten: Der Mensch hat keine physische Verbindung zu diesen Seelen – lediglich eine spirituelle. Der Verheißene Messias (as) hat dieses Thema an verschiedenen Stellen sehr deutlich erklärt. Er schreibt:
> ‚Der wesentliche Punkt ist, dass alles, was in den Hadithen des Gesandten Allahs (saw) über die Verbindung der Seelen mit den Gräbern erwähnt wird, völlig wahr und korrekt ist. Eine andere Frage ist jedoch die nach der Art und Wirklichkeit dieser Verbindung – etwas, das wir nicht notwendigerweise wissen müssen. Es genügt zu wissen, dass eine solche Verbindung existiert und nichts Unlogisches an sich hat. […] Wenn sich die Seele vom Körper trennt oder mit ihm verbindet, kann dies nicht allein durch Vernunft erklärt werden. Wäre es anders, hätten Philosophen und Denker sich nicht geirrt. Ebenso ist die Verbindung, die Seelen mit den Gräbern haben, zweifellos eine Wahrheit, aber ihre Realität kann nicht mit dem physischen Auge wahrgenommen werden – nur das Auge der spirituellen Einsicht kann sie erkennen. […]
> Wir geben ein Beispiel: Stell dir vor, man legt dir einen Block Salz und einen Block Zucker vor. Was kann die bloße Vernunft darüber entscheiden? Erst wenn man sie schmeckt, erkennt man die unterschiedlichen Geschmäcker. Doch wenn jemand den Geschmackssinn nicht besitzt, wie könnte er je zwischen salzig und süß unterscheiden? Ebenso verhält es sich mit der spirituellen Wahrnehmung. Wenn jemand nicht das „Auge der Seele“ besitzt, kann er diese Verbindung nicht erfassen – seine Leugnung ist daher unbegründet.
> Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Seele gewiss eine Verbindung mit dem Grab hat; man kann mit den Verstorbenen sprechen. Die Seele hat auch eine Verbindung zum Himmel, wo ihr eine bestimmte Stufe zugewiesen wird. Das ist eine feststehende Wahrheit, die auch in den Schriften anderer Religionen, etwa der Hindus, bestätigt wird.‘ > (Al Hakam, Nr. 3, Bd. 3, 23. Januar 1899, S. 2–3)
Hazrat Mufti Muhammad Sadiq (ra) berichtet:
> „Als der Verheißene Messias (as) im Jahr 1905 mit seiner Familie und einigen Khuddam nach Delhi reiste, war ich als Herausgeber der Zeitung *Badr* ebenfalls dabei. Wir wohnten im Haus von Alif Khan, einem Tintenhändler, in der Gegend Chitli Qabar. Eines Tages sagte der Verheißene Messias (as): ‚Von den Lebenden in Delhi ist wenig zu erwarten; kommt, lasst uns seine Toten treffen, denn viele große Heilige liegen in diesem Land begraben.‘
> So besuchten wir in den folgenden Tagen die Gräber von Khwaja Mir Dard, Qutbuddin Awliya, Qutb Sahib und anderen edlen Persönlichkeiten. An jedem Grab stand der Verheißene Messias (as) kurz, hob die Hände zum Gebet, und auch wir beteten mit. Am Grab von Hazrat Nizamuddin Awliya sagte er: ‚Seelen haben gewiss eine Verbindung zu ihren Gräbern, und Menschen mit geistiger Schau (Ahl-e-Kashf) können durch Konzentration sogar mit den Verstorbenen sprechen.‘“ > (*Zikr-e-Habib*, S. 107–108)
Hazrat Musleh-e-Maud (ra) erklärte hierzu:
> „Aus den Hadithen geht hervor, dass die Verbindung der Seele mit dem Grab anfangs stärker ist. Der Verheißene Messias (as) sagte ebenfalls, dass Seelen zweifellos mit ihren Gräbern verbunden sind. Die Freunde Allahs berichten in ihren spirituellen Visionen (Kushuf), dass die menschliche Seele zunächst unruhig ist, den Schmerz der Trennung von ihren Angehörigen empfindet und in einem Zustand der Aufregung verbleibt. Nach einiger Zeit jedoch erreicht sie eine feste Stufe. Wenn es eine gesegnete Seele ist, lässt Allah sie an den Segnungen des Paradieses teilhaben; ist sie jedoch unrein, beginnt für sie nach und nach die Strafe der Hölle. Hazrat Uthman (ra) überliefert, dass der Heilige Prophet (saw) sagte: Wenn die Seele in das Grab eintritt, erfährt sie eine sehr starke Angst und Qual – alles, was danach kommt, ist geringer als dieses erste Leid. Deshalb pflegten die Rechtschaffenen und Heiligen der Ummah die Gräber zu besuchen und dort für die Verstorbenen, für sich selbst und ihre Angehörigen zu beten. Durch diese Gebete findet die Seele des Verstorbenen Trost, und ihre Unruhe wird gemildert.“ > (*Khutbat-e-Mahmud*, Bd. 25, Freitagspredigt vom 10. März 1944, S. 178)
**Zusammenfassend:** Die Verstorbenen stehen nicht in direktem Kontakt mit ihren lebenden Verwandten, wie wir es in dieser Welt gewohnt sind. Da ihre Seelen jedoch mit den Gräbern verbunden bleiben, übermittelt Allah der Erhabene die Gebete der Lebenden an sie und erhöht dadurch ihren Rang.
Darum lehrte uns der Heilige Prophet Muhammad (saw), beim Betreten eines Friedhofs Frieden über die Bewohner der Gräber zu senden und für sie zu beten, ebenso wie für uns selbst. (*Sahih Muslim*, *Kitab al-Jana’iz*, *Bab ma yuqalu ‘inda dukhuli l-quburi wa d-du‘a’i li ahliha*)
Darüber hinaus kann Allah den von Ihm beauftragten und erwählten Menschen (den Auliya und Propheten) in Visionen (*Kashf*) Begegnungen mit den Verstorbenen gewähren, und sie können – mit Erlaubnis Allahs – sogar mit ihnen sprechen.