Verfasst von Talha Tahir (Religionswissenschaftler) – Waqf-e-Zindagi, Abteilung Tabligh Deutschland
Der Vorwurf
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) wird von manchen Kritikern beschuldigt, Sure an-Nisāʾ 4:70 zu verfälschen, insbesondere in der Interpretation der Präposition مع(maʿa). Der Vorwurf lautet, dass die AMJ fälschlich behauptet, dass durch den Gehorsam gegenüber dem Heiligen Propheten Muhammad (saw) auch die Rangstufe des Prophetentums in dieser Umma erreichbar sei. Es wird kritisiert, dass damit Imam Rāġib al-Isfahānī verzerrt zitiert werde, und dass die AMJ angeblich klare Aussagen verschweige, die gegen ihre Sichtweise sprächen.
Die AMJ stellt diesen Vorwürfen eine auf klassisch-islamischen Quellen basierende Argumentation entgegen. Grundlage ist der Qur’an-Vers:
وَمَنۡ یُّطِعِ اللّٰہَ وَالرَّسُوۡلَ فَاُولٰٓئِکَ مَعَ الَّذِیۡنَ اَنۡعَمَ اللّٰہُ عَلَیۡہِمۡ مِّنَ النَّبِیّٖنَ وَالصِّدِّیۡقِیۡنَ وَالشُّہَدَآءِ وَالصّٰلِحِیۡنَ ۚ وَحَسُنَ اُولٰٓئِکَ رَفِیۡقًا ﴿ؕ۷۰﴾
„Wer Allah und dem Gesandten gehorcht, soll unter denen sein, denen Allah Seine Huld gewährt hat, nämlich unter den Propheten, den Wahrhaftigen, den Märtyrern und den Rechtschaffenen; und das sind die besten Gefährten.“
(an-Nisāʾ 4:70)
Laut AMJ verdeutlicht dieser Vers, dass durch vollständigen Gehorsam gegenüber dem Heiligen Propheten Muhammad (saw) die Tore zu allen vier geistigen Rangstufen, einschließlich des Prophetentums, offenstehen. Dabei betont sie, dass dies kein unabhängiges oder gesetzgebendes Prophetentum sei, sondern ein abhängiges, das vollständig in der Gefolgschaft des Heiligen Propheten (saw) steht und seine Botschaft bestätigt. Der Qur’an stützt diese Auffassung auch an anderen Stellen. So heißt es in Sura al-Ḥaǧǧ – 22:76
اَللّٰہُ یَصۡطَفِیۡ مِنَ الۡمَلٰٓئِکَۃِ رُسُلًا وَّمِنَ النَّاسِ ؕ اِنَّ اللّٰہَ سَمِیۡعٌۢ بَصِیۡرٌ ﴿ۚ۷۶﴾
Allah erwählt aus den Engeln Gesandte und aus den Menschen. Wahrlich, Allah ist allhörend, allsehend.
(Sura al-Ḥaǧǧ – 22:76)
Dieser Vers spricht im Präsens und bezieht sich auf ein fortwährendes göttliches Gesetz, das nicht durch die Zeit begrenzt ist. Die AMJ leitet daraus ab, dass die Möglichkeit zur Erwählung weiterhin besteht – wenn auch ausschließlich im Schatten des Prophetentums Muhammads (saw).
Die Gegner der AMJ führen an, dass maʿa hier im Sinne von „mit“ zu verstehen sei, d.h. die gläubigen Menschen seien lediglich in Gesellschaft dieser Gruppen, ohne selbst diese Ränge zu erreichen. Als Beleg zitieren sie den Schluss des Verses – „und das sind gute Gefährten“ –,was andeuten solle, dass es sich nur um ein Zusammensein handle.
Die AMJ argumentiert dagegen, dass eine solche Lesart nicht nur den spirituellen Anspruch der Umma des Heiligen Propheten (saw) mindere, sondern auch logisch inkonsequent sei: Wenn durch Gehorsam keine Propheten mehr erscheinen könnten, müsste dies auch für Wahrhaftige, Märtyrer und Rechtschaffene gelten. Dies widerspricht jedoch der islamischen Geschichte, da die Gefährten wie Abu Bakr (ra) und Umar (ra) vom Propheten selbst als Siddiq (Wahrhaftiger) und Shahid (Märtyrer) bezeichnet wurden.
Zur sprachlichen Unterstützung verweist die AMJ auf die Aussagen Imam Rāġib al-Isfahānīs, insbesondere in seinem Werk „Mufradāt al-Qurʾān“, wo er die Verwendung von maʿa im Sinne der kategorialen Zugehörigkeit erläutert. Auch die Exegese „al-Baḥr al-Muḥīṭ“ bestätigt in einem zentralen Abschnitt die Auslegung der AMJ, dass durch den Gehorsam gegenüber dem Propheten (saw) die spirituelle Eingliederung in diese vier Gruppen möglich ist.
Ziel der folgenden Analyse ist es, diese Argumentation auf Grundlage klassischer Qur’an- Exegese und Sprachlogik offenzulegen und zu zeigen, dass die Vorwürfe einer „Verfälschung“ nicht haltbar sind. Stattdessen ergibt sich ein konsistentes Bild davon, dass durch vollkommene Unterwerfung unter den Heiligen Propheten Muhammad (saw) höchste spirituelle Ränge weiterhin erreichbar sind.
Zur Bedeutung von مع(maʿa) in Quran 4:70
Ein zentraler Vorwurf gegen die Ahmadiyya Muslim Jamaat betrifft ihre Auslegung des Quranverses aus Sure an-Nisāʾ 4:70. Kritisiert wird insbesondere die Übersetzung des Wortes مع(maʿa), das in folgendem Vers erscheint:
وَمَنۡ یُّطِعِ اللّٰہَ وَالرَّسُوۡلَ فَاُولٰٓئِکَ مَعَ الَّذِیۡنَ اَنۡعَمَ اللّٰہُ عَلَیۡہِمۡ مِّنَ النَّبِیّٖنَ وَالصِّدِّیۡقِیۡنَ وَالشُّہَدَآءِ وَالصّٰلِحِیۡنَ ۚ وَحَسُنَ اُولٰٓئِکَ رَفِیۡقًا ﴿ؕ۷۰﴾
„Wer Allah und dem Gesandten gehorcht, soll unter denen sein, denen Allah Seine Huld gewährt hat, nämlich unter den Propheten, den Wahrhaftigen, den Märtyrern und den Rechtschaffenen; und das sind die besten Gefährten.“
(an-Nisāʾ 4:70)
Mit „dem Gesandten“ (ar-rasūl) ist eindeutig der Heilige Prophet Muhammad (saw) gemeint. In diesem Vers wird eine klare spirituelle Verheißung ausgesprochen: Wer dem Heiligen Propheten (saw) vollständig gehorcht, kann zu jenen gezählt werden, denen Allah Seine Gunst erwiesen hat – also zu vier hohen geistigen Rangstufen:
- den Propheten (nabiyyīn),
- den Wahrhaftigen (ṣiddīqīn),
- den Märtyrern (šuhadāʾ),
- und den Rechtschaffenen (ṣāliḥīn).
Die Kritik besteht nun darin, dass das Wort maʿa ausschließlich im Sinne von „mit“ verstanden werden müsse, während die Ahmadiyya Muslim Jamaat es im Kontext dieser Stelle mit „unter“ oder „zugehörig zu“ übersetzt. Daraus leitet sich der Vorwurf ab, die AMJ würde auf dieser Basis eine neue Prophetie nach dem Propheten Muhammad (saw) rechtfertigen wollen. Zusätzlich wird behauptet, die Gemeinde würde dabei eine Textstelle aus dem Werk von Imam Rāġib al-Isfahānī verkürzt zitieren und eine zwei Zeilen später erfolgte Klarstellung unterschlagen. Im Folgenden wird dieser Vorwurf sachlich geprüft – sprachwissenschaftlich, theologisch und auf der Grundlage klassischer Exegese und Lexikographie.
Erläuterung der Präposition مع maʿa im Quran
Die Präposition مع – maʿa findet im Heiligen Quran Verwendung in zwei Bedeutungsdimensionen:
1. Physische Verbundenheit (örtliche Nähe, Zusammensein)
Ein Beispiel hierfür findet sich in Sure Yūsuf (12:37):
وَدَخَلَ مَعَہُ السِّجۡنَ فَتَیٰنِ
„Es kamen mit ihm (Yūsuf) zwei Jünglinge ins Gefängnis.“ (12:37)
Hier wird eindeutig eine örtliche, physische Nähe zum Propheten Yūsuf (as) beschrieben, da sich die zwei Männer zusammen mit ihm an demselben Ort (Gefängnis) befanden.
2. Metaphorische Verbundenheit (spirituelle oder unterstützende Nähe)
Ein deutliches Beispiel für die metaphorische Verwendung findet sich in Sure al-Anfāl (8:47):
وَاصۡبِرُوۡا ؕ اِنَّ اللّٰہَ مَعَ الصّٰبِرِیۡنَ
In diesem Kontext ist keinesfalls eine physische oder räumliche Anwesenheit gemeint, da Allah jenseits jeglicher physischer Begrenzung und Körperlichkeit ist. Vielmehr bedeutet maʿa hier, dass Allahs Hilfe und Unterstützung den Standhaften zuteilwird.
Aus diesen beiden Beispielen wird klar ersichtlich, dass die Präposition مع (maʿa) nicht auf eine einzige Bedeutung („mit“ im rein physischen Sinne) reduziert werden darf, sondern ihre Bedeutungsbreite vom Kontext abhängt.
Analyse der Präposition مع (maʿa) in Sure an-Nisāʾ 4:70
Es stellt sich die Frage, in welchem Sinne die Präposition مع (maʿa) in Sure an-Nisāʾ 4:70 verwendet wurde.
- مع (maʿa) im metaphorischen Sinne:
Einige Kritiker vertreten die Ansicht, dass die vier im Vers erwähnten geistigen Ränge – Propheten, Wahrhaftige, Märtyrer und Rechtschaffene – ausschließlich für den Jüngsten Tag vorgesehen seien. Gemäß dieser Sichtweise könnten Muslime, die dem Propheten Muhammad (saw) folgen, während ihres irdischen Lebens keinen dieser geistigen Ränge erreichen. Ihre Seelen würden vielmehr erst am Jüngsten Tag „mit“ den Propheten, Wahrhaftigen, Märtyrern und Rechtschaffenen versammelt sein. Dies würde allerdings bedeuten, dass es in der muslimischen Gemeinschaft auf Erden keine wahrhaftigen, rechtschaffenen oder Märtyrer mehr geben könnte, was jedoch der islamischen Lehre widerspricht.
Eine Konsequenz dieser Argumentation wäre, dass herausragende Gefährten des Heiligen Propheten Muhammad (saw), wie Abu Bakr (ra) und Umar (ra), während ihres Lebens keine geistigen Ränge wie „Wahrhaftige“ oder „Märtyrer“ erlangt hätten. Dies stünde jedoch im direkten Widerspruch zu den authentischen Überlieferungen, in denen der Prophet Muhammad (saw) diese Gefährten ausdrücklich als Wahrhaftige und Märtyrer bezeichnete. Beispielsweise heißt es in Sahih Muslim, dass der Prophet (saw) auf dem Berg Hirāʾ sagte:
„Allahs Gesandter (saw) war auf dem Berg Hira und mit ihm waren Abu Bakr, Umar, Uthman, ‚Ali, Talha, und ‚Zubair, so dass der Berg zitterte. Daraufhin sagte der Gesandte Allahs (saw): Sei ruhig, auf dir sind ein Prophet, ein Wahrhaftiger (Siddiq) und ein Märtyrer“
(Muslim, Hadith Nr. 5942)
Auf dem Berg befanden sich damals neben dem Propheten Muhammad (saw) unter anderem Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali, Talha, Zubair und Saʿd bin Abi Waqqas (Allahs Wohlgefallen auf ihnen allen).
- مع (maʿa) im physischen Sinne:
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) vertritt hingegen die Überzeugung, dass die Segnungen und geistigen Ränge, die mit dem Gehorsam gegenüber dem Propheten Muhammad (saw) verbunden sind, auch weiterhin während des irdischen Lebens erlangt werden können.
Diese Auffassung findet ihre Bestätigung in den Schriften klassischer islamischer Gelehrter wie Imam Rāġib al-Isfahānī, einem anerkannten Lexikographen des Korans. Imam Rāġib schreibt beispielsweise in seinem bekannten Werk „Mufradāt al-Qurʾān“ unter dem Wort كتب (kataba):
„فَاكْتُبْنَا مَعَ الشَّاهِدِينَ [آل عمران/54] أي: اجعلنا في زمرتهم إشارة إلى قوله: فأولئك مع الذين أنعم الله عليهم… الاية [النساء/70]“
Übersetzung:
„So schreibe uns ein unter die Bezeugenden (3:54), d.h. ordne uns ihrer Kategorie zu. Dies verweist auf den Vers: ‚Sie werden unter jenen sein, denen Allah Seine Gnade erwiesen hat, nämlich unter den Propheten, Wahrhaftigen, Märtyrern und Rechtschaffenen.‘ (4:70).“
Imam Rāġib erklärt somit ausdrücklich, dass مع (maʿa) hier eine Zugehörigkeit zu einer Kategorie und nicht bloß eine physische Anwesenheit bedeutet.
In der Exegese „al-Baḥr al-Muḥīṭ“ findet sich eine weitere Aussage von Imam Rāġib, wobei Kritiker der AMJ vorwerfen, dass diese eine Verfälschung vorgenommen habe, indem sie nur einen Teil der Passage zitierten. Die Kritiker selbst erläuterten jedoch den von der AMJ zitierten Abschnitt nicht ausreichend:
والظاهر أن قوله: من النبيين، تفسير للذين أنعم الله عليهم. فكأنه قيل: من يطع الله ورسوله منكم ألحقه الله بالذين تقدمهم ممن أنعم عليهم. قال الراغب: ممن أنعم عليهم من الفرق الأربع في المنزلة والثواب: النبي بالنبي، والصديق بالصديق، والشهيد بالشهيد، والصالح بالصالح. وأجاز الراغب أن يتعلق من النبيين بقوله: ومن يطع الله والرسول. أي: من النبيين ومن بعدهم.[1]
[1]http://ia904609.us.archive.org/25/items/tbmih/tbm3.pdf
Übersetzung:
„Offensichtlich dienen die Worte ‚von den Propheten‘ (من النبيين) zur Erläuterung der Worte ‚denen Allah Gnade erwiesen hat‘ (أنعم الله عليهم). Es bedeutet also: Wer von euch Allah und Seinem Gesandten gehorcht, den reiht Allah in jene Gruppen ein, denen zuvor Gnade erwiesen wurde. Imam Rāġib sagte hierzu, dass diese Menschen entsprechend ihres Ranges in vier Gruppen unterteilt werden: Propheten werden Propheten zugeordnet, Wahrhaftige den Wahrhaftigen, Märtyrer den Märtyrern und Rechtschaffene den Rechtschaffenen. Imam Rāġib erlaubte es auch, dass ‚von den Propheten‘ (من النبيين) mit dem Satz ‚Wer Allah und dem Gesandten gehorcht‘ verknüpft wird, was bedeuten würde: aus den Propheten und aus jenen, die nach ihnen kommen.“
Diese Aussagen Imam Rāġibs verdeutlichen die spirituelle Zuordnung innerhalb einer Kategorie und bestätigen, dass مع(maʿa) nicht ausschließlich physische Nähe meint. Der Vorwurf einer Verfälschung ist daher unbegründet, da die zitierten Passagen von Imam Rāġib die Interpretationsweise der AMJ stützen.
Fortdauernde Kommunikation Gottes mit den Menschen
Die Diskussion über die Präposition مع (maʿa) zeigt deutlich, dass spirituelle Segnungen und Ränge in der Gemeinschaft der Gläubigen weiterhin möglich sind. Dies führt zu der weiterführenden Frage, ob Gott weiterhin mit den Menschen kommuniziert und Gesandte schickt. Der Heilige Qur‘an erklärt deutlich, dass Gott weiterhin zu den Menschen spricht und Gesandte schickt:
اَللّٰہُ یَصۡطَفِیۡ مِنَ الۡمَلٰٓئِکَۃِ رُسُلًا وَّمِنَ النَّاسِ ؕ اِنَّ اللّٰہَ سَمِیۡعٌۢ بَصِیۡرٌ ﴿ۚ۷۶﴾
Allah erwählt aus den Engeln Gesandte und aus den Menschen. Wahrlich, Allah ist allhörend, allsehend.“ (al-Ḥaǧǧ 22:76)
Dieser Vers beschreibt ein fortdauerndes Prinzip Gottes, das nicht zeitlich begrenzt ist. Es wird im Präsens formuliert und verdeutlicht somit, dass Allah nach wie vor Gesandte aus Engeln und Menschen auswählt und entsendet. Der Heilige Qur‘an bekräftigt, dass im Schatten des Prophetentums Muhammads (saw) das Tor zum spirituellen Rang eines Propheten weiterhin offensteht.